WACHSFIGUREN

mein adoleszenter neffe atmet aus

– angestrengt und tief atmet er ein 

und dann wieder aus


in das ventil der luftmatratze

er merkt 

nichts tut sich

– wirklich


um so eine luftmatratze voll 

mit ein- und ausgeatmeter luft zu bekommen 

muss man schon gehörig zeit 

und geduld investieren 


ihm schwant nichts gutes

so allgemein 

das leben betreffend

– das sehe ich ihm an


barkeeperin sara

merkt auch schon nichts mehr 

so schwant mir zumindest


zu viele gesichter 

über den beinahe endlosen sommer 

ziehen jährlich in diesem touristenort 

an ihr vorbei


mal in form geblieben 

zu später stunde dann aber

auch gern absichtlich herbeigerufen

wie aus wachs geschmolzen


– seltsame gesichter

zu später stunde

muss barkeeperin sara 

beizeiten ertragen


mein glas ist bald leer

ich bin schon etwas 

drüber und hinüber 

von dem langen heißen tag


aber ich erwäge liebe 

– wirkliche liebe


so wütend und bestimmt 

wie ihre zeigefingerspitzen

dann die produkt-buttons auf dem

monitor der kassenmaschine drücken

nachdem ich um die rechnung bat

lässt mich eine gegenseitig geteilte ablehnung

was bezahlen und konsum angeht erahnen –

besonders in anwesenheit von wachsfiguren 


ich erwäge liebe

– wirkliche liebe


und ich wachse

so still 

vor mich hin


– der überdimensional schrottige

auf hochtouren laufende ventilator 

in schieflage an der theke angebracht 

macht dass ihr langes haar

im vorübergehen immer weht

als wäre sie eigentlich die neue gitarristin 

in prince’s begleitband the revolution in 1984 - 

wendy und lisa hätten sie bestimmt respektvoll 

in ihrer mitte aufgenommen 

dessen bin ich mir gerade sehr sicher

– sieben jahre alt war ich da 

1984


– ich bin mir gerade auch sicher: 

sara sieht der jungen patti smith 

verblüffend ähnlich


in einem paralleluniversum 

wäre sara sicherlich ein rockstar

und nicht (nur) barkeeperin


– hey sara

denke ich beinahe laut sagend

»ich find dich grad echt richtig gut«

mit jeder sekunde 

wachsend


letztens gemeinsam auf der rückbank 

eines autos auf dem weg nach köln sitzend 

sagte einer meiner womöglich neuen besten freunde

beinahe das gleiche zu mir:


»irgendwo in einem paralleluniversum 

bist du mit sicherheit ein rockstar«

sagte er zu mir 

– so aus dem nichts 


von der seite 

also von den rändern 

meiner sonnenbrille kommend

von dort wo sie nichts mehr bedecken

aus dem absoluten toten winkel kommend


ich lächelte ihn daraufhin an

– sara lächelt mich eigentlich nie an 


zumindest redet sie genauso ungern 

wie ein arroganter rockstar 

zumindest mit mir

redet sie offensichtlich nicht so wahnsinnig gern


»so how were your last two months?«

frage ich sie – 

schon so halb dahingeschmolzen 

»good«

antwortetet sie trocken einsilbig 

gefühlt bauchredend


zumindest konnte ich 

keine bewegung ihrer lippen wahrnehmen 

obwohl ich klar und deutlich 

ein ‚good‘ vernommen habe


vielleicht aber sprach ihr stummer blick 

auch schon bände in meinem innern

– erstaunlich authentisch 

das alles:

gespräch beendet


phew

immer noch über 30 grad und echt schwül

trotz dunkelheit 

aber zumindest die wilden tiere 

sind anhänglich


gestern nacht 

als ich oben an der kirche

auf den treppenstufen saß und 

über den leuchtenden stummen dächern des ortes 

im stillen vor mich hinträumte

sprang mir eine 

der um die kirche herumstreunenden 

unzähligen katzen auf den schoß

und säuberte sich 

auf meinen beinen sitzend

meine nähe nehmend

als wäre es das normalste der welt


nach einer halben stunde sagte ich zu ihr:

du ich muss jetzt gehen 

und sie ließ von mir ab

und ich ging


– und gestern 

als ich mit meinem vater 

die wohnung verließ 

sprang ihm innerhalb einer sekunde

eine riesige afrikanische heuschrecke auf die schulter

als hätte sie die ganze zeit nur 

darauf gewartet dass er das haus verlässt

um ihn freundschaftlich zu begrüßen 


– nun: zumindest die wilden tiere 

sind anhänglich


gestern am strand war es sehr schön

es wehte kaum wind

darum war der wellengang ruhig 

und an einem montag waren 

wenige menschen dort


ich machte minutenlang den toten mann

im wasser

und versuchte mich so gut es ging 

gedanklich leer zu machen


»gedanklich vollständig leer«

hatte ich mir

sogar laut aussprechend 

weil ich mich unbeobachtet fühlte

vorgebetet


– wieder zurück am strand 

konnte ich mich aber 

nicht mehr erinnern 

wie gut mir das gelungen war 

den toten mann zu machen

und dabei gedanklich 

vollständig leer zu sein


– mein adoleszenter neffe 

atmet 

Immer noch am strand seiend

weiterhin tief ein und aus


in das ventil 

der luftmatratze


bei der bullenhitze

ist er mittlerweile 

schon etwas bleich im gesicht 

und er erwähnt auch

ihm sei nun schon etwas schwindelig 

von alldem ein- und ausatmen


um so eine luftmatratze 

voll mit ein- und ausgeatmeter 

luft zu bekommen 

muss man schon gehörig zeit 

und geduld investieren 


ihm schwant nichts gutes

so allgemein 

das leben betreffend


das sehe ich ihm an